Der Traum von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit wächst im gleichen Maße, wie Fremdbestimmung und Überwachung zunehmen. Urban Gardening ist ein globaler Trend in vielen Industrieländern.

Selbstversorgung am Fluchtbalkon, Foto (C) Kristine Paulus / flickr

Selbstversorgung am Fluchtbalkon, Foto (C) Kristine Paulus / flickr

 

Sogenannte „Essbare Städte“ machen bereits seit 10 Jahren von sich reden und werden auch realisiert. Dass Selbstversorgung in der Stadt überhaupt möglich ist, hätte vor 20 Jahren kaum einer gedacht – auch wenn es immer schon viele Städter gab, die sich vor Sehnsucht nach einem Stückchen Grünland verzehrten. „Essbare Stadt“ ist inzwischen ein Begriff, der sogar bei Wikipedia zu finden ist – mit über 140 Literaturnachweisen. In Deutschland gibt es bereits über hundert Städte, die sich „Essbare Stadt“ auf ihre Fahnen heften.

Graswurzelbewegung und Bürger-Organisationen

Das Bedürfnis nach lokalen Lebensmitteln in den Städten ist keine Idee, die „von oben“ unter das Volk gebracht wurde, sondern aus der Basis der Bevölkerung kommt. Die Initiativen gehen von Privatpersonen aus und verbreiten sich im kleinen Kreis. Jeder tut, was er kann, und gibt seine Erfahrungen weiter. Der Austausch mit anderen Stadtgärtnern kann zum Beispiel über Nachbar-Netzwerke oder über Facebook-Gruppen erfolgen.

Erhöhung des Anteils an Selbstversorgung

Die meisten Menschen leben in Städten und haben, wenn überhaupt, nur wenig Grünfläche zur Verfügung. Selbstversorgung ist daher meistens nicht hundertprozentig möglich, aber zumindest zum Teil. Der Flächenbedarf bei basisch-veganer Ernährung ist wesentlich geringer als bei konventioneller Ernährung, da weder Weideflächen noch Getreideäcker benötigt werden. 200 m2 pro Person können vollkommen ausreichen – vor allem bei schlanken und älteren Menschen mit geringem Kalorienverbrauch.

Die Kunst der effizienten Flächen-Nutzung

Voraussetzung für reichlichen Ertrag ist die richtige Anbautechnik. Permakultur- und Waldgarten-Anlagen bringen wesentlich mehr als übliche Bauerngärten mit Mischkultur. Durch gestaffelte Mehrfachnutzung, sowohl räumlich als auch zeitlich, lässt sich die Effizienz weiter erhöhen. Man sollte möglichst nie nackte Erde sehen und abgeerntete Stellen ständig nachpflanzen.

Aber auch ohne Garten ist es durchaus möglich, so viel anzubauen, dass man keinen Salat und keine Kräuter kaufen muss. Besonders ertragreich sind Fassaden-Spaliere, die die gesamte Versorgung mit Obst decken können. Wenn sich außerdem noch Platz für einen Nussbaum findet, ist bereits ein großes Maß an Unabhängigkeit erreicht.

Gemeinschaftsgarten, Foto (C) Gabriel Kamener, Sown Together / flickr

Gemeinschaftsgarten, Foto (C) Gabriel Kamener, Sown Together / flickr

 

Nachfolgend nun eine Liste mit Anbauflächen, die fast überall zu finden sind oder mit geringem Aufwand nutzbar gemacht werden können, wenn die Stadtverwaltung mithilft. Die meisten der genannten Nutzungsarten sind bereits seit langem erprobt und bewährt, andere stecken noch in der Pionier-Phase. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!

  • Kleingarten-Vereine (Schrebergärten)
  • Individuelle Mietgärten
  • Ränder von Freizeitflächen wie Parks, Spielplätzen und Sportflächen
  • Bereiche in Fußgängerzonen und auf öffentlichen Plätzen
  • Öffentliche Brachflächen
  • Gemeinschaftliches Gärtnern

auf ausgewiesenen Urban-Gardening-Flächen.

  • Obst und Nüsse in kommunalen Nasch- und Pflückgärten
  • Bienenstöcke am Balkon
  • Datschas am Stadtrand nach russischem Vorbild
  • Permakultur und Waldgärten auf gewöhnlichen EFH-Gundstücken
  • Wildgrün und Wildobst in Stadtrandgebieten

Maßvolles Ernten für den privaten Bedarf ist im Allgemeinen erlaubt, wenn der Bestand respektvoll behandelt und nicht gefährdet wird.

  • Schul- und Heimgärten
  • Ernten im städtischen Wald

Pilze, Haselnüsse, Maroni, Walnüsse, Beeren, Holunder, Wildkräuter, Bucheckern, Eicheln, junge Baumblätter und vieles mehr bereichern die Lebensmittel-Palette.

  • Gärtnern auf Flächen von Nachbarn

die ihre Flächen nicht vollständig nutzen und für Hilfe dankbar sind.

  • Kreatives und Kleinräumiges Gärtnern auf öffentlichen Restflächen

wie Baumscheiben, Weg-Rändern und Bachufern. Beim Gärtnern auf öffentlichen Flächen ist zu beachten, dass soziale Spielregeln eingehalten müssen, damit niemand zu Schaden kommt.

  • Indoor-Kulturen

in hellen Kellern, im Stiegenhaus oder in verglasten Loggien

  • Dachgärten
  • Pergolen und Rankgerüste
  • Innenhöfe und Hinterhöfe
  • Vorgärten
  • Balkone und Terrassen

Am besten mit großen Trögen, wo sich auch gemischte Pflanzengesellschaften verwirklichen lassen.

  • Freie Anbau-Kapazitäten in der Umgebung

Vielleicht gibt es jemanden, der gerade ein Jahr im Ausland ist oder aus Altersgründen Hilfe im Garten benötigt?

  • Vertikale Pflanzungen vor Hauswänden, auf Spalieren und zwischen Balkonen

Mit einem Rankgerüst rund um das Haus ist vieles möglich: Tomaten, Erbsen, Bohnen, Himbeeren, Kiwis, Jiaogulan, Schisandrabeeren, Weintrauben, Brombeeren, japanische Weinbeeren, Gurken, Melonen, Kürbisse, Steviakraut, Gundelrebe, Kapuzinerkresse, Erdbeeren, Passionsfrüchte, Kletterrosen (Hagebutten) und Spalierobstsorten zum Beispiel. Efeu ist zwar nicht essbar, aber als Waschmittel geeignet und daher auch nutzbringend.

  • Fensterbretter

Mit entsprechender Absturzsicherung sind auch in den obersten Stockwerken mehrere Laufmeter Topfplanzen unterzubringen. Kräuter, Erbsen, Pflück-Salat und Erdbeeren gedeihen ohne weiteres.

  • Heimliches Guerilla-Gardening

Hier geht es nicht vorrangig um das Ernten von Lebensmitteln, sondern es werden Pflanzensamen überall in der Stadt gestreut, um mehr Vielfalt in den Grünraum zu bringen. Es ist durchaus möglich, zum Beispiel Wurzelgemüse an unauffälligen Stellen zu „verstecken“ und es zur rechten Zeit abzuernten. Umgekehrt wird auch so manche Naturpflanze ausgegraben und mitgenommen, was rechtlich ebenso bedenklich ist. Ob jemand unabsichtlich einen Kirschkern verliert oder ihn absichtlich in die Erde setzt ist ein kleiner, aber feiner Unterschied.

  • Mobile Hochbeete

in Form von Körben, Kisten, Säcken oder Schubkarren lassen sich auch ohne Grünfläche irgendwo hinstellen und bei Bedarf versetzen.

  • Betriebliche Gärten

passen beispielsweise gut zu Gaststätten, Blumenhandlungen, Sozial- und Kultureinrichtungen, Bioläden, Reformhäusern, Heilpraxen, Seminarhäusern, Hotels, Kindergärten, Großmärkten und anderen Betrieben, wo eine Verpflegung der Mitarbeiter beziehungsweise Kunden sinnvoll ist.

  • Fruchttragende Bäume und Sträucher statt Ziergehölze

Überall in der Stadt können nutzlose Gehölze durch Obstbäume, Nussbäume und Beeren-Hecken ersetzt werden.

 

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Irmgard Brottrager, Dipl.Ing. für Architektur und Innenarchitektur,

Ganzheitliche Raum-Gestaltung und Europäisches Fengshui 

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Literatur-Übersicht

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