Wir kennen die Stadt und wir kennen das Land. Und wir kennen auch den Stadtbauern am Stadtrand, der einen Heurigen betreibt oder seine Produkte am Bauernmarkt verkauft. Seit ein paar Jahren gibt des noch eine vierte Kategorie, die wie Pionierpflanzen aus dem Boden schießt: Urban Gardening und Urban Farming sprießen nicht nur an der Peripherie von Städten, sondern mittendrin und überall, wo sich eine unversiegelte Fläche findet.

Urban Farming auf der Greensgrow-Farm in Philadelphia, Foto: David Barrie

Urban Farming auf der Greensgrow-Farm in Philadelphia, Foto: David Barrie

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Auch Flachdächer, Hinterhöfe und Industriebrachen bieten sich als Aufstellungsorte für mobile Pflanzen-Container an, die von immer mehr Bürgern, oft illegal, in Beschlag genommen werden, um ein tiefes Bedürfnis nach Grünraum und Naturverbundenheit zu stillen. Die Stadtverwaltungen können diese Sehnsucht nicht befriedigen, denn jede Grünfläche bedeutet Betreuungsaufwand, den jemand bezahlen muss. Obwohl das Beackern von öffentlichem Gut als strafbare Sachbeschädigung gilt, erkennen die Behörden zunehmend, dass die Bürger/innen ihnen entgegen arbeiten, indem sie sich an der Grünraumpflege beteiligen. Den Grün-Aktivisten geht es nicht ausschließlich um die Verschönerung der kahlen Flächen, sondern die neue Bewegung hat viele Facetten: weltanschauliche, politische, soziale, therapeutische, ökologische – und ganz einfach existentielle. Die wilden Gärten sind für viele zu einer Art von Überlebensstrategie geworden.

Die Wurzeln der urbanen Grün-Bewegungen reichen bis in die 1970er-Jahre zurück.

Als Vorläufer dieses Trends gelten die „Communitiy Gardens“ aus den 1970er-Jahren in den USA. Der Künstler Joseph Beuys hat 1977 in Berlin Kartoffeln angepflanzt und diesen Schöpfungsprozess zum Kunstwerk erklärt. In Wien läuft bis 25. Juni die Ausstellung „Hands-On Urbanism 1850-2012. Vom Recht auf Grün.“ Eines der vielen Vorzeigeprojekte sind die illegalen Landwirtschaften in Ma Shi Po Village in Hongkongs New Territories. Im Stadtteil Ngau Tau Kok wird auf den Dachterrassen eines Industriegebäudes die erste Hongkong-Bio-Kräuter-Farm betrieben. Das milde Klima ermöglicht eine ganzjährige Bewirtschaftung. Eine der größten Dachfarmen mit 4000 m2 ist die „Brooklyn Grange“ in New York, sie besteht seit 2009 und setzt auf Gemüse mitten im Großstadtdschungel. Maurice Maggi, der bekannteste Guerilla-Gärtner aus Zürich, ist bereits seit 20 Jahren unterwegs, um das Stadtbild zu verschönern. In Deutschland nimmt Berlin eine Vorreiter-Rolle ein. Die berühmtesten Areale sind hier der „Prinzessinnengarten“ am Moritzplatz, die „Rosa Rose“ in Friedrichshain und das „Allmende Kontor“ am Tempelhofer Feld. Bei den mobilen Gärten gedeihen die Pflanzen nicht in gewachsenem Erdreich, sondern sprießen aus recycelten Bäckerkisten, Teesäcken und anderen Alt-Behältern, die man bei Bedarf an einen anderen Ort verlegen kann. Der Umzug der „Rosa Rose“ auf ein neues Areal erinnerte an die Blumenkinder-Demonstrationen der 1960er-Jahre, er wurde sehr öffentlichkeitswirksam ausschließlich mit motorlosen Fahrrädern, Schubkarren und Anhängern inszeniert.

Die Lebensmittelkosten steigen, viele Menschen werden von Existenzsorgen geplagt.

Die Weltbevölkerung wächst unaufhörlich, immer mehr Menschen suchen Arbeit in den Städten. Schätzungen zufolge sollen es im Jahr 2050 ganze 70% der Bewohner sein, die sich auf relativ kleinen urbanen Flächen konzentrieren. Mit der Zunahme der Stadtbevölkerung wächst die Abhängigkeit bei der Lebensmittelversorgung. Die Globalisierung der Märkte und der Klimawandel tun ihr Übriges. Nachdem auch die Treibstoffe immer teurer werden und somit die Transportkosten steigen, ist die Versorgung nicht mehr gesichert. Viele Jugendliche und Zugewanderte können sich zwischen Arbeitslosigkeit und Konsumzwang nicht mehr orientieren und suchen nach sinnvoller Beschäftigung mit Bodenhaftung.

Eine Samen-Bombe geht auf.

Eine Samen-Bombe geht auf.

Von der revolutionären Guerilla-Aktion zur Legalisierung in Kooperation mit den Kommunen.

Längst sind nicht mehr alle wilden Gärten illegal, und sogenannte „Samenbomben“ – eine kugelförmige Fertigmischung aus Ton, Samen und Dünger – werden frei am Markt beworben. Zuerst fielen viele Guerilla-Blumen den Mähern zum Opfer, aber inzwischen erfolgen Absprachen. Das Gartenamt kann sich sowieso nicht um jede Ecke kümmern, weshalb sich also nicht die Arbeit aufteilen? Für ein Areal in Berlin Spandau wurde 2011 sogar hochoffiziell ein langschaftsplanerischer Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem urbane Landwirtschaft zu integrieren war, mit dem Ziel, Synergie-Effekte zwischen Landwirtschaft und Erholungsraum zu erzielen. Es wird eine neue Typologie von Bauernhof gesucht, die multifunktionale Dienstleistungen erbringt, indem sie z.B. auch Gastronomie anbietet oder zur Arbeitsstätte für soziale Einrichtungen wird. Wegen der begrenzten Flächen sind kleinwüchsige Lebewesen gefragt. Neben Blumen, Kräutern und Gemüse kommen auch auch Beeren, Pilze, Bienen und Fische in Frage. Besonders Permakultur ist eine gute Möglichkeit, hohe Erträge auf kleinstem Raum zu erzielen. Selbstverständlich sollte alles „öko-bio“ und auch sozial verträglich sein. Die weltweite, von Irland ausgehende „Transition-Town-Bewegung“ plant seit 2006 ganz bewusst einen Übergang in eine neue Wirtschaftsform, die auf nachwachsende Rohstoffe und lokale Versorgung setzt. Die englische Kleinstadt Todmorden hat es bereits geschafft, sie baut ihre Lebensmittel zur Gänze selber an und ist somit unabhängig geworden!

Innerstädtische und periphere Gemeinschaftsgärten in Berlin.

Unter dem Überbegriff „Alternative Landwirtschaft in Berlin“ sind alle möglichen Ausprägungen zusammengefasst: Permakultur im kleinen und großen Umfang, Obstbaumpflanzungen in öffentlichen Parks, Selbstversorger-Gärten, interkulturelle Nachbarschaftsgärten, Balkon- und Fensterbrettgärten, Fassadenbegrünungen, Hinterhofgärten, Vertikale Gärten an Geschoßbauten, Hochbeet-Anlagen, Schrebergärten, Wintergärten, Gewächshäuser, Kinderbauernhöfe, Schulgärten, Parkplatzbegrünung, vegane und vegetarische Ernährung, Verarbeitung regionaler Lebensmittel, gemeinschaftlicher Grünflächenerwerb, Saatgutproduktion für alte Nutzpflanzen, Pflanzentauschbörsen, Gartenbau-Workshops, Kleintierhaltung, Gemüseflächen zum Mieten, Selbsternten beim Bauern, Raritäten-Märkte, Guerilla Gardening auf kleinen Restflächen wie z.B. Baumscheiben und Straßen-Grünstreifen, öffentliche zugängliche Gärten ohne Zaun, regionale Lebenmittelläden und Gaststätten. Viele Anlagen sind in öffentlicher Hand und mit speziellen Verträgen geregelt. In ganz Deutschland existieren bereits über hundert interkulturelle Gärten, weitere befinden sich in Planung. Die meisten Organisationen werden von ehrenamtlichen Profis begleitet. „Urban Gardening“ spart Energie- und Transportkosten und verstärkt das regionale Verantwortungsbewusstsein. Allein das Gefühl, selber etwas schaffen zu können, ist für viele junge Menschen eine essentielle Erfahrung. Seit 2005 gibt es die Plattform „urbanacker.net“ mit Sitz in Berlin, die für den Informationsfluss und den Austausch zwischen den Bewegungen sorgt.

(Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift „ÖBV-Via Campesina Austria“ erschienen.)

Link zum Artikel über Urban Gardening in „Wege für eine bäuerliche Zukunft“ Juli 2012

 

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Arch. Dipl.Ing. Irmgard Brottrager, Ganzheitliche Architektur und Europäisches Fengshui in Graz.

Link zur Homepage: http://irmgardbrottrager.npage.at/

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Buch “Europäisches Fengshui”:

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E-Book: “Planen und Bauen in Zeiten des Wandels”:

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E-Book: “BODY FENG SHUI”, Band 1+2:

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Link zum Everyday-Feng-Shui Berater-Profil:

http://www.feng-shui-katalog.de/berater/irmgard

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